Psychotherapie und Gender. Konzepte. Forschung. Praxis.: by Brigitte Schigl
By Brigitte Schigl
Bisherige psychotherapiebetreffende Publikationen zum Thema Gender betrachten die PatientInnen und lassen die Interaktion mit den TherapeutInnen weitgehend ausser Acht. Hier wird im Gegensatz dazu ein interaktionistischer Standpunkt bezogen, der den gemeinsamen Prozess, die gegenseitige Zuschreibung und Verstärkung in den Geschlechterrollen in den Blick nimmt. Nicht nur PsychotherapeutInnen verändern KlientInnen, auch KlientInnen verändern ihre PsychotherapeutInnen. Die Bedeutung des Faktors Geschlecht im psychotherapeutischen oder beratenden Prozess wird auf verschiedenen Ebenen dargestellt und internationale Forschungsergebnisse dazu präsentiert. Diese Erkenntnisse werden in ihrer Relevanz für die Praxis von Psychotherapie und Beratung umgelegt. Dabei werden sizzling spots, an denen die Geschlechtszugehörigkeit von professionellen HelferInnen und ihren KlientInnen besonders interagiert, herausgearbeitet und praxisrelevante Hinweise gegeben. Dieses Buch ist unverzichtbarer Beitrag zur gendersensiblen und genderkompetenten Psychotherapie und Beratung. Es soll anregen, eigene gender betreffende Annahmen bewusst zu machen und zu hinterfragen und aufmerksamer auf Phänomene des Doing Gender in Therapie und Beratung zu werden.
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Als "Diskurse" bezeichnet Butler Denk- und Sprachsysterne als Orte der Konstruktion von Gender wie etwa der Biologie, Medizin, Psychologie und der Rechtswissenschaften: In diesen Denksystemen werden Zweigeschlechtlichkeit, Geschlechterdifferenz und Heterosexualitiit meist als unhinterfragte Voraussetzung angenommen, damit aber diskursiv reproduziert. Wir konnen nur das denken, was wir iiber sprachJich-diskursive Prozesse aufgenommen haben. Vor dem gesellschaftlichen Hiutergrund verhalten sich Frauen und Manner iu perfonnativen Sprechakten (Derrida 2004, 90ft) und anderen Handlungen so, dass sie iu die Ordnungsschernata von Gcschlecht passen und eiuander iu den Konstruktionen als siunvolle, nachvollziehbare ,,intelligible Geschlechter" erkennen.
Sie hat genetisch-biologische, kultnrelle, inter- und intrapsychische Elemente: Die Kategorisierung als miinn1ich oder weiblich wird nach anatnmischen Gegebenheiten und gesellschaftlichen Ubereinkiinften' bei der Geburt festgelegt. Diese Zuweisung wird dann von allen weiteren Menschen, denen das Kind in seinem Leben begegnet, iibernommen. Die sozialen Botschaften und geschlechterbezogenen Skripte, die sich ein Kind aneignet, entspringen der es umgebenden kultnrellen Meso- und Makroebene und tonen gleichsam durch die individuellen Interaktionen mit den Bezugspersonen hindurch (Gildemeister & Robert 2008).
Erkenntnis- unci wissenschaftstheoretischer Hintergrund der Geschlechtertheorien und einer Reflexioo iiber die Herausforderungen der Wissensgenerlerung auf diesem Gebiet (Wissenschaftstheorie und -kritik) nun die anthropologischen Grundannahroen psychotherapeutischen Handelns erliiutert werden, die fUr den hier gewiihlten Betrachtungsfokus der Interaktion im Prozess von Bedeutung sind. Dabei wird das Verfahren der Integrativen Therapie (IT) als Modell herangezogen, dessen Smrke es ist, in einem breiten Rahmen Theorien aus den Humanwissenschaften zu ordnen, miteinander in Bezug zu setzen und fUr die Psychotherapie fruchtbar zu machen.



